Im Urlaub erledigt man auch mal ungeliebte Aufgaben. So auch das sortieren von Unterlagen. Dabei bin ich auf meine alten Arbeitszeugnisse, Verträge und ähnliches gestoßen und ins Grübeln gekommen. Die Zeiten haben sich in den letzten 22 Jahren meiner Berufstätigkeit ganz schön verändert. Die Mitarbeiter haben sich mehr getraut und die Meister haben ihre Leute und ihre Maschinen gekannt. Reden wir zuerst mal über die Vorgesetzten:
Als ich nach meiner Lehre in Künsebeck anfing, im Jahr 1992, da gab es noch eine Menge Meister aus der Nachkriegsgeneration. Die Jungs hatten von der Pike auf gelernt, oft im selben Betrieb gelernt, nie gewechselt und kannten ihre Maschinen, ihre Leute und die Belegung. Gesteuert wurde von einer übergeordneten Stelle, entschieden haben die Meister. Den Abteilungsleiter hat man an den Anlagen kaum gesehen. Wenn man da als Elektriker mal gefragt hat, welche der drei kaputten Drehmaschinen als erste repariert werden muss, dann konnte einem z.B. der gute Egon aus dem Stehgreif sagen, auf welcher Anlage welche Teile drauf sind und was eilig ist.
Stellt man heute den so genannten Gruppenbetreuern die selbe Frage, dann müssen die meist erst 10 Minuten mit dem “Feinsteuerer” telefonieren, der dann bei der Production Control Rückversicherung hält. Die Aufgaben und der Überblick sind auf mehrere Schultern verteilt.
Früher hatte ein Meister nur die Aufgabe, seine Leute und seinen Bereich zu führen. Heute müssen die Gruppenbetreuer alle möglichen Statistiken anfertigen, an etlichen Meetings teilnehmen, am Scrap Marketplace Rede und Antwort stehen und Workshops besuchen. Was besser war/ist, das möge jeder für sich selbst entscheiden.
Besagter Egon gehörte aber auch noch zu einer besonders durchsetzungsfähigen Sorte Meister, der es regelmäßig schaffte, dass bei ihm defekte Lampen den Vorzug vor den defekten Maschinen der anderen Bereiche bekamen. Trotzdem waren viele Vorgesetzte dabei, für die unsere Mitarbeiter jederzeit gern am Samstag die Kastanien aus dem Feuer geholt haben. Heute lastet auf den Gruppenbetreuern ein derartiger Druck, dass der persönliche Umgang mit den Kollegen deutlich öfter leidet als früher – aber natürlich ist das auch abhängig vom Charakter der Vorgesetzten.
Zudem fehlt so ein bisschen die Kulanz, welche ein Meister in früheren Jahren noch mitgebracht hat. Das ist einer gewissen Obrigkeitshörigkeit gewichen. In den 90ern wurde ein guter Mitarbeiter, der ansonsten in seinen 35 Dienstjahren nicht auffällig war und nur ab und an nach einem sonntäglichen Grillabend am Montag mit Obstlerfahne zur Schicht kam, unauffällig vom Meister per Taxi gen Heimat entsorgt. Am nächsten Tag hat man ihm kurz die Ohren lang und einen Tag Urlaub abgezogen und dann war es gut. Heute würde der gleiche Mitarbeiter zum Sani geschliffen, abgemahnt, mit Jobverlust bedroht, womöglich ins Suchthilfeprogramm aufgenommen und mehrfach von höchster Stelle gemaßregelt.
Die Menschlichkeit ist in den letzten Jahren deutlich auf der Strecke geblieben. Das Geschäft wird heute eher von Druck beherrscht, in dem sich Vorgesetzte unverhohlen heraus nehmen, einem sich (zu recht) beschwerenden Mitarbeiter im Beisein des Betriebsrates damit zu drohen, dass man das jetzt zwar gemäß seinen Wünschen gestalten, aber ihm diese Beschwerde nachtragen werde und er sich in Zukunft warm anziehen könne. Sowas hat manch ein Vorgesetzter früher nicht nötig gehabt, sondern eher durch natürlich ausgestrahlte autorität solche Beschwerden von Anfang an verhindert
– von Ausnahmen mal abgesehen. Die Zeiten ändern sich eben…
…und von den Veränderungen bei den Mitarbeitern schreibe ich ein anderes Mal.