Vor kurzem habe ich mich über die Veränderungen in meinem Berufsleben ausgelassen, rein bezogen auf die Vorgesetzten. Aber nicht nur die haben sich in den letzten 20 Jahren im Verhalten geändert. Auch die Kollegen an den Maschinen und in den Werkstätten haben Veränderungen durchlaufen. Allerdings nicht nur positiv, denn man merkt, wie sehr mittlerweile die Angst vor Arbeitsplatzverlust und in der Folge Hartz IV oder Leiharbeit das berufliche Leben regiert.
Als ich 1992 in Künsebeck anfing, da herrschte in der E-Werkstatt ein rauher, aber herzlicher Ton. Angelernt wurde da eher rudimentär. Man durfte eine Woche mit jemandem mitgehen und in der zweiten Woche hatte ich schon allein Spätschicht. Rein ins kalte Wasser und schwimmen oder ersaufen! Heute gibt es in den Bereichen Anlernpläne, die muss man gegenzeichnen. Und wehe man macht danach noch Fehler, womöglich noch welche, die Geld kosten, dann kann man sich auf ernste Gespräche und Abmahnungen gefasst machen.
Als ich anfing, da durfte man jederzeit Kollegen fragen. Gut – man bekam z.B. von Kollege Wolfgang meist auf die erste, leise, demütige Anfrage nach Hilfe ein “WAS WILLST DU?!?!?!” und direkt danach ein “JA UND? KANNSTE DAS NICH?!?!?!” in den Block gebölkt, aber geholfen wurde immer. Heute wird einem regelmäßige Nachfrage als Schwäche ausgelegt und man gilt als unselbstständig.
Die Rangordnung wurde einfach dadurch hergestellt, dass man als Neueinsteiger die schlechtesten Tätigkeiten bekam (”Ey, geh ma innen Keller vonne Stufenpresse. Da is ne Latüchte inne Mäse!” – “Aber da steht doch knöchelhoch das Kühlmittel drinne und es tropft ekelich vonne Decke!” “Ja und? Biste aus Zucker? Ziehste halt Gummistiefel an. Musste ich schon tausende Male machen.Und wo kein Schnee is, da kannste laufen ” ). Heutzutage kann man froh sein, wenn einem die jungen Azubis nicht die Arbeit verweigern und mit irgendwelchen Passagen aus der Ausbildungsordnung wedeln, die solche Schmutzarbeiten untersagen.
Verbesserungen oder Ideen wurden früher kurz mit dem Vorgesetzten besprochen und dann wurde es gemacht. Heute regelt die Gruppe solche Dinge – theoretisch jedenfalls – in einer Teamsitzung. Das Ergebnis ist, es dauert länger und alle haben das Gefühl, es gemeinsam entschieden und verbessert zu haben. Das Problem ist aber leider meist immer noch da, weil viel zu selten die Zuständigkeiten geregelt werden und alle denken, der andere wird es schon machen.
Gelästert wurde natürlich auch ( “DEN? Den kannste nur jebrauchen um inne Kirche nen Glockenschwängel festzuhalten!” ), aber dennoch haben wir uns eigentlich immer gut verstanden. Wenn der Chef unangenehme Entscheidungen verkünden wollte, dann haben wir das mit ihm in der Werkstatt ausdiskutiert. Besonders die Kollegen Heinz und Ralf haben sich da wenig bieten lassen. Und nicht nur da: Wenn Cheffe morgens um 7.05 Uhr ( schnieke in Jacket und Krawatte ) in die Werkstatt kam und Heinz noch BILD las, dann sagte der Chef: “Heinz, leg bitte jetzt die Zeitung weg” und Heinz antwortete :”Jau, sobald ich den Artikel feddich gelesen hab.” Von diesem Misserfolg angespornt trat der Chef dann an Ralfs Werkbank, die immer voll mit Cola-Flaschen stand und sagte: “Ralf, ich mag keine Flaschen!“, was der mit einem netten “Tja, so iss das Leben, ich mag auch keine Krawatten” beantwortete. Am Folgetag hat der Chef es noch mal mit einem “Na, sie Flaschengeist?” versucht, aber dann nach dem prompten “Na, sie Karawattenständer?” entgültig die Segel gestrichen. Trotzdem haben wir natürlich unsere Arbeit gemacht und den Chef respektiert. Aber die alten Hasen haben halt nicht bei jedem Satz sofort die Hacken zusammen geschlagen und “JAWOLL” gebrüllt, wie es heute sehr oft zu beobachten ist.
Heute wird auch viel mehr wortlos hingenommen. Wenn früher den Jungs in der Dreherei eine Entscheidung, zum Beispiel zum Personalabbau, nicht ganz klar war, dann hat dort einer gepfiffen, ein anderer hat den Hauptschalter umgelegt und dann haben die Kollegen bei abgeschalteten Maschinen so lange gewartet, bis ihnen jemand die Lage plausibel erklären konnte. Ach ja, und einen vorwitzigen Elektriker (nicht ich), der die Gunst eines Warnstreiks nutzen wollte um im Bereich Lampen zu wechseln, haben sie beinahe von der Leiter geschüttelt. Der kam mit bleicher Nase wieder in die Werkstatt geschlichen und musste fortan mit streiken
. Heute kann man froh sein, wenn man überhaupt 60% der Belegschaft für einen Warnstreik vor die Tür bekommt.
Warum hat sich also alles so verändert? Kollege Heinz ist leider schon tod, Kollege Wolfgang ist in Rente, Kollege Ralf hat irgendwann mal gekündigt um ein Reisebüro zu eröffnen, usw. Nachgerutscht sind zumeist junge Kollegen, teils direkt aus der Ausbildung, meist aber eben noch in der Selbstfindungsphase. Zudem haben viele unserer neuen, jungen Kollegen Zeitverträge, die per se eine große Klappe verbieten, will man irgendwann fest eingestellt werden.
So geraten wir (heute) alten und gestandenen Mitarbeiter nach und nach in die Minderheit und wachsen uns sozusagen raus. Die Zeiten wandeln sich. Deshalb rede ich hier zwar nicht von “der guten alten Zeit“, aber dennoch vermisse ich manches Mal die Bereitschaft der Kollegen, sich auch mal gegen den Chef aufzulehnen. Ich bin gespannt, ob sich das jemals wieder in die andere Richtung entwickelt.