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Bielefeld die Leinenstadt:

Zunächst mal vorne weg. Bielefeld ist keine kleine Stadt. Sie hat derzeit ca. 329.000 Einwohner in Stadtteilen mit klangvollen Namen wie Jöllenbeck, Schildesche, Heepen, Sennestadt und mein Wohnort Brackwede. Wahrscheinlich kommt daher der provinzielle Anstrich, den man Bielefeld nachsagt. Dennoch ist diese Stadt ständig im Wandel begriffen, 1991 wurde mit der Bielefelder Stadtbahn eine unterirdische Strecke für den öffentlichen Nahverkehr eingeweiht. Egal wann man in dieses kleine Großstädchen kommt, es wird immer irgendwo gebaut. Deshalb nennen wir sie auch gern mal "die freundliche Baustelle am Teutoburger Wald". Aber Bielefeld ist vor allem alt und auch traditionsreich.

Gründung von "Biliuelde":

Die Stadt wurde vom Grafen Ravensberg im Jahr 1214 gegründet. Es war eine der zahlreichen Stadtgründungen im Mittelalter. Der Kern der Stadt war eine Kreuzung von Handelswegen in der Nähe eines Passes durch den Teutoburger Wald. Hermann IV., Graf von Ravensberg diente die Stadt als Sicherung seiner Landesherrschaft und natürlich zur Steigerung seiner eigenen Finanzkraft.

Viele Kaufleute aus der Umgebung nutzten die die Freiheiten, welche der neue Lehnsherr ihnen in der Stadt bot. Die Entwicklung der Stadt wurde seit dem 13. Jahrhundert von diesen Kaufleuten bestimmt.

Die wichtigsten Orte in der Stadt waren der Markt, das Rathaus und die Kirche. Zugang zur Stadt war nur durch die Stadttore möglich, denn im Mittelalter war es üblich, Städte durch Wassergraben und Stadtmauern zu schützen. Bielefeld war da keine Ausnahme. Man kann es heute noch an der typischen Hufeisenform der Altstadt erkennen. Zum Schutz der Stadt und ihrer Handeslwege und um seine Macht zu demonstrieren liess Graf Ravensberg Mitte des 13. Jahrhunderts die Sparrenburg erbauen.

Im späten Mittelalter...

genauer seit 1346, gehörte die Stadt zum Haus Jütlich-Berg. Die männliche Linie der Grafen von Ravensberg war zwischenzeitlich ausgestorben und Bielefeld lag nun weit vom Sitz der Lehnsherren entfernt. Bielefeld blieb von den großen Kriegen des Mittelalters verschont und konnte wachsen und gedeihen. In der Stadt lebten vor allem Handwerker und Kaufleute. Seit dem 15. Jahrhundert Mitglied der Hanse, reichten die Fühler der Geschäftsleute selbst bis ins ferne Nowgorod, welches noch in der heutigen Zeit eine Partnerstadt Bielefelds ist.

Ende des 16. Jahrhunderts spielte Leinen eine immer grössere Rolle. Die Leinenweberei, ein bis dato ländliches Gewerbe, entwicklte sich sprunghaft. So wurde Bielefeld zur "Leinenstadt" Noch heute erinnert das Leineweberdenkmal, welches einen alten Mann mit Pfeife und Hut darstellt, an die Exportzeiten des späten Mittelalters. In Bielefeld wird immer am letzten Wochenende im Mai der traditionelle Leinewebermarkt gefeiert. Ein grosses Stadtfest, welches sich über die gesamte Altstadt erstreckt.

Im Jahr 1502 wurde am Jostberg von Franziskanermönchen im Wald ein Kloster gegründet. Wegen der grossen Entfernung zur Stadt gaben sie diesen Standort jedoch bald wieder auf und landeten nach kurzem Aufenthalt am Waldhof im Jahre 1511 am heutigen Klosterplatz. Die Jodokuskirche mit ihrer "Schwarzen Madonna" ist noch heute zu besichtigen.

Neuzeit:

1648 fiel die Grafschaft derer von Ravensberg und die Stadt Bielefeld an Brandenburg und damit an den Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm. Bis 1918, dem Ende des ersten Weltkriegs, blieb Bielefeld Teil des Staates Brandenburg-Preussen.

Zwar wurde die in Bielefeld hergestellte Leinwand mit der 1652 eingeführten Legge auf einwandfreie Qualität geprüft, gestempelt und in Qualitätstufen eingeteilt, aber dennoch geriet das Leinenhandwerk nach 1830 in eine schwere Krise. Baumwolle und maschinell hergestellte Garne oder Stoffe konnten billiger auf dem Markt gebracht werden. Mit deren Preisen und vor allem Qualität konnte das heimische, von Hand hergestellte Leinen nicht mehr konkurieren. Durch eine regionale Ernährungskrise im Jahr 1844 gerieten die Bielefelder Weber und Spinner noch tiefer in die Not.

1848 hatte die Stadt Bielefeld 8150 Einwohner.

Industriezeitalter:

In dieser Zeit wurde das heutige Bielefeld, wie viele andere Städte, am stärksten geprägt.

Im nördlichen Feldmark, damals weit weg von der Stadt, wurde an der Stelle des heutigen Hauptbahnhofs (1910 erbaut), ein Bahnhof für die Anbindung an die Köln-Mindener Eisenbahn errichtet. Die Bielefelder Wirtschaft hing zu dieser Zeit am viel zitierten "leinenen Faden". Genau an diesem Faden wuchs sie. 1870 liefen ca. 11% aller Spindeln und Webstühle Deutschlands in Bielefeld. Langfristig war die Textilindustrie jedoch zu konjunkturabhängig, zumal die Maschinen importiert werden mussten. Im Laufe der Zeit wurden in Bielefeld aber immer mehr metallverarbeitende Betriebe gegründet. Die Maschinen wurden nun in diesen Fabriken vor Ort hergestellt.

Der Werdegang der Dürkopp Werke ist beispielhaft für die damalige Entwicklung der Industrie. Nikolaus Dürkopp und Carl Schmidt, beide angestellt bei den Kochs-Adler Nähmaschinen Werken, verliessen die Firma 1867 und gründeten die Nähmaschinenfabrik "Dürkopp und Schmidt". Schmidt stieg jedoch nach wenigen Jahren wieder aus und Nikolaus Dürkopp fand mit Richard Kaselowski einen Partner, der über genügend Kapital verfügte, während er den technischen Verstand einbrachte. Bald wurde die Produktpalette erweitert. Von speziellen Nähmaschinen für Schuhmacher oder Spezialmaschinen für Gewerbe und Handwerk, über Milchzentrifugen und Ölreinigungsmaschinen, bis zu Fahrrädern und Autos. 1989/90 wurde die Kochs-Adler AG von Dürkopp, die mittlerweile zum FAG-Konzern gehörten, übernommen und verschmolz zur Dürkopp-Adler AG. Hergestellt werden auch heute noch Industrienähmaschinen und Förderanlagen für Textilien. Nach mehreren Entlassungswellen in den letzten Jahren und einem Besitzerwechsel von FAG zu INA sah die Lage eines der grössten, ortsansässigen, mittelständischen Betriebe leider nicht mehr sehr rosig aus. Im Juni 2005 wurde Dürkopp-Adler von der chinesischen SGSB-Gruppe übernommen. Heute bietet die Dürkopp Adler AG Problemlösungen in den Bereichen Näh- und Fördertechnik an.

Die Frauenarbeit nahm aber nicht nur in der Textilindustrie der damaligen Zeit zu. Frauen gingen arbeiten und die Zeit für den Haushalt wurde immer knapper. Ende des 19. Jahrhunderts glückte dem Apotheker Dr. August Oetker mit der Hilfe seiner Frau eine wichtige Erfindung . Die Entwicklung eines verbrauchsgerechten Backpulvers!

Zunächst genau abgewogen (handelsüblich 500g) von Hand in seiner Apotheke in Tüten verpackt, setzte er bald wegen der grossen Nachfrage Maschinen zur Verpackung ein. Backgerechte Abpackung und ausgeklügelte Werbung waren der Schlüssel zu Erfolg. Heute ist Oetker ein Mischkonzern von imenser Grösse. Von Brauereien über Reederei bis Saft und Sekt stellt Oetker nahezu alles her.

Der Wandel weg vom Leinen zur Industriestadt war nun nicht mehr aufzuhalten und deutlich im Stadtbild zu sehen. Die Wohngebiete wuchsen und 1904 entstanden das neue Rathaus und ein Stadttheater. Zwar sah man in der Stadt nun viele Schornsteine, doch blieb das Stadtbild stets annehmbar. Die Luft und auch das Wasser musste wegen der zahlreichen Bleichen so sauber wie möglich gehalten werden und so wuchs die Stadt vor allem ins Umland. Bis 1914 war die Bevölkerungszahl deutlich angestiegen.

Krieg und Wiederaufbau:

Bielefeld gilt als "rote Hochburg". Das hat sich bis heute nicht geändert. So war es nicht verwunderlich, dass Bielefeld bereits 1930 - als erste deutsche Großstadt - einen nationalsozialistischen Stadtverordnetenvorsteher hatte. 1934, ein Jahr nachdem die Nationalsozialisten an die Macht kamen, wurde ein führendes NSDAP-Mitglied Bürgermeister. Dies geschah nahezu in allen deutschen Städten. Zwar war das Hakenkreuz überall präsent, wie braune Uniformen und NS-Feiern, aber typische Bauten der Nazis entstanden in Bielefeld nicht. In der Reichskristallnacht, am 10. November 1936 brannte auch in Bielefeld die Synagoge an der Turnerstrasse.

Schon im Juni 1940 fielen die ersten Bomben auf Bielefeld, die grossen Firmen Dürkopp, Adler und Anker boten lohnende Ziele. Bis zum Jahr 1944 hielten sich die Schäden in Grenzen. Doch am 30. September 1944 wurde Bielefeld in Schutt und Asche gelegt. Ein grosser Bombenangriff tötete über 600 Menschen und zerstörte etliche der historsichen Gebäude. An diesem Tag starben also fast die Hälfte der 1300 Bielefelder, die während des gesamten 2. Weltkriegs durch Luftangriffe zu beklagen waren. Am 4. April 1945 war Hitlers Macht endlich gebrochen und auf dem Bielefelder Rathaus wehte die weisse Flagge.

Leider entschied man sich in Bielefeld nicht für einen historischen Weideraufbau, sondern für einen notwendigen Weg. Die Strassen wurden verbreitert und dringend benötigte Wohnfläche geschaffen. Industriell sorgte die gute, lang gewachsene Struktur der Bielefelder Kaufmannschaft für einen unglaublich schnellen Neuaufbau. Schon Ende der vierziger Jahre lief in vielen Betrieben die Produktion in einem Umfang wieder an, welcher viele Menschen in Deutschland in Erstaunen versetzte.

Bielefeld heute:

Seit 1969 Universitätsstadt, geniesst die im Westen gelegene Bielefelder Uni unterhalb des Teutoburger Waldes einen sehr guten Ruf.

Im Jahr 1973 brachte die kommunale Neuordnung wichtige Veränderungen für die Stadt Bielefeld. Den Landkreis Bielefeld gab es nun nicht mehr und die umliegenden selbstständigen Kommunen wurden "eingemeindet". Viele einzelne Stadtbezirke besitzen bis heute viele Merkmale einer eigenständigen Stadt. Der Stadtteil Brackwede war einst das grösste Dorf Europas und besass sogar für kurze Zeit die Stadtrechte.

Da man in der Nachkriegszeit schnellstens neue Wohngebäude schaffen musste, fand man im Kreis Bielefeld vor der eigenen Haustür in der Senne genügend geeignetes Bauland. Im Sennesand entstand 1956 die Gemeinde Senne 2, welche stetig wuchs, modernste Wohngebiete bot und 1965 zur Stadt - der Sennestadt - ernannt wurde. Auch sie gehört seit 1973 zu Bielefeld. So wuchs die Einwohnerzahl seit dieser Zeit auf über 300 000 , ohne dass Bielefeld jemals seinen provinziellen, ländlichen Charakter verlor.